Orgelkonzert

Orgelkonzertmit Henry Fairs (Berlin/England) - Internationale Orgeltage Kevelaer20:00 - 21:15 Basilika St. Marien13mär20:0021:15

Veranstaltungsdetails

Für sein erstes Konzert an der großen Seifert-Orgel in Kevelaer im Rahmen der diesjährigen internationalen Orgeltage hat der britische Organist Henry Fairs ein Programm unter dem Titel „Musikalische Landschaften“ zusammengestellt. Im folgenden finden Sie seine Gedanken zum Programm:

Elgar war ein Außenseiter, vielleicht sogar ein eigensinniger: katholisch, Autodidakt, aus einem Handwerkermilieu stammend. Einen Teil seines Lebens verbrachte er damit, von der etablierten Gesellschaft akzeptiert zu werden; einen anderen Teil damit, sie zu hassen und nichts mit ihr zu tun haben zu wollen. Von seinem Vater hatte er ein instinktives Misstrauen gegenüber der Arbeitswelt geerbt, und er sah keinen Wert in der Musik seiner englischen Zeitgenossen wie Stanford. Er hasste Stanford besonders, einen von vielen, die ihn bis zum durchschlagenden Erfolg der Enigma-Variationen im Jahr 1899 ignoriert hatten.

Wieder einmal bot die Region Midlands eine Möglichkeit, das im Wesentlichen urbane – oder zumindest weltgewandte – Establishment von South Kensington, Oxford und Cambridge zu übertrumpfen. Als Elgar 1903 der erste Peyton-Professor für Musik an der brandneuen Universität von Birmingham wurde, nutzte er diese Position, um eine Reihe von Vorlesungen über das Musikleben Großbritanniens zu halten, und war nur allzu glücklich, einen Unterschied zwischen dem leblosen akademischen Stil der Stadt und dem kraftvollen, authentischen Werk des grünen Edgbaston (Birmingham) zu machen: Er sprach sich gegen trockenen Akademismus und gegen die fade technische Korrektheit vieler britischer Musikstücke aus. Hier zielte er eindeutig auf Stanford ab. Elgar nannte es „weiß”. Besser überschwänglich und vulgär zu sein und vielleicht einige schreckliche Fehler zu machen, als kein gutes rotes Blut und überhaupt keine echte Inspiration zu haben. Die Verfeinerung würde später kommen. Elgar erklärte ganz offen, dass er die meisten der kürzlich komponierten Musikstücke als banal empfand und dass sie deshalb nie einen festen Platz in der Gunst des Publikums einnehmen konnten. Er nahm Sir Hubert Parry von dieser Kritik aus, aber indem er Stanford nicht erwähnte, sandte er eine deutliche Botschaft aus.

Die Lösung, die Elgar vorschlug, bestand nicht darin, Mendelssohn zu imitieren oder wie ein Anhänger von Brahms „erwachsen“ zu werden oder wie Richard Strauss zu schreien (nicht desto trotz, höre ich Elemente von Schumann und Brahms in Elgars Musik!). Es ging nicht einmal darum, den einheimischen englischen Stil von Purcell zu imitieren. Er sagte, dass jüngere Komponist:innen ihre Inspiration mehr aus ihrem eigenen Land, aus ihrer eigenen Literatur und, trotz allem, was viele sagen würden, aus ihrem eigenen Klima beziehen sollten. Die jüngere Generation müsse mit der Nachahmung aufhören. Mit anderen Worten: Die Antwort auf die britische Musik werde aus dem Boden der Midlands kommen und definitiv nicht aus London. 

Wenn wir den mystischen Schriften von Kommentatoren folgen, die darauf bestehen, sein gesamtes Werk als im Wesentlichen programmatische Beschreibungen der Landschaft der Midlands zu betrachten, laufen wir Gefahr, Fragen der Form, der musikalischen Sprache und anderer möglicher Interpretationen zu vernachlässigen. Mit anderen Worten: Wir sehen es nicht als das, was es tatsächlich ist: Modernismus. Gleichzeitig, als einer, der aus den Midlands stammt, muss ich sagen, dass für mich seine Musik absolut nach meiner Heimat schmeckt und, zumindest in meinem Kopf, damit tief verbunden ist.  

Die Seven Pastels from the Lake of Constance op. 96 (1923) von Sigfrid Karg-Elert (1877-1933) verdanken ihre englischsprachigen Originaltitel der Tatsache, dass sie zuerst bei Novello in London herauskamen. Das Werk spiegelt Eindrücke des Bodensees und der ihn umgebenden Landschaft wider. Karg-Elert gestand 1923 der australischen Pianistin Margarete Bellmont: „Das ist mein allerbestes, persönlichstes und inhaltlich wertvollstes Werk.“ Jedoch waren die Stücke für ihn, wie er 1926 gegenüber seinem Londoner Freund Godfrey Sceats bekannte, auch ,zugespitzter Impressionismus‘. Ich glaube, sie sind etwas überladen an Technik und Farbe.“ The soul of the lake (von Karg-Elert als „Psyche des Sees“ aufgefasst) beginnt in beschaulicher Grundstimmung (Andantino soave). Nach einem Flötensolo werden Assoziationen mit einem herannahenden Sturm erzeugt, der dann losbricht (poco a poco tempestoso; sempre tempestoso) und sich bis zur vollen Orgel (fff) steigert. Nach einem langen Decrescendo kehrt die Atmosphäre des Anfangs zurück. Das Stück endet im dreifachen piano (quasi niente). 

Hymn to the Stars (Hymnus an die Sterne) ist ein Marsch in H-Dur (Solenne, non troppo lento). Bereits kurz nach dem Beginn wird die Musik filigraner, als wolle sie einzelne Sternengruppen beschreiben. Das BACH-Motiv wird mehrfach zitiert. Nach einem Crescendo kehrt der Marsch wieder. Ein hymnischer Abschnitt (fff) leitet in die Coda über, die Marsch-Motivik zitiert und im ppp verklingt.

Karg-Elerts Symphonischer Choral Nun ruhen alle Wälder op. 87/3 erschien 1911 im Druck. Der Komponist schrieb 1926 an Godfrey Sceats: „Hier ist alles abgedämpft und still, idyllisch und versonnen.“ Karg-Elert erstellte eine „Programmatische Vorlage“ mit Erläuterungen zum sechsteiligen Werk: Der erste Abschnitt (Des-Dur; Sehr ruhevoll und romantisch; Improvisation) stellt laut Günter Hartmann „ein langsames Hineinfinden in die zu bearbeitende Melodiesubstanz“ dar. Der zweite Abschnitt (F-Dur; Leise bewegt) bringt den vergrößerten Choral in der Oberstimme. Im dritten Teil (d-Moll; Sehr unruhig und erregt) tritt die Violine mit dem Choral-Thema hinzu. Im vierten Abschnitt (As-Dur; Im ruhigen Choralzeitmaß) spielt die Violine ein „Nebenthema“, die Singstimme übernimmt den Choral, während im fünften Teil (Orgel: Des-Dur; Gesang: A-Dur; Leise bewegt) der Singstimme das „Nebenthema“ zufällt. Violine (in Viertelnoten und Contrapunkt) und Orgel (in halben Noten) führen den Choral aus. Den Epilog (Des-Dur) spielt die Orgel allein. Er verklingt im dreifachen piano (wie aus der Ferne). Im ersten und im letzten Abschnitt von op. 87/3 zitiert Karg-Elert aus dem Wiegenlied „Guten Abend gut‘ Nacht“ (op. 49) von Johannes Brahms (1833-1897).

 

Henry Fairs ist Professor für Künstlerisches Orgelspiel an der Universität der Künste Berlin. Engagements in Deutschland beinhalten Konzerte bei: Silbermann-Tage, Merseburger Orgeltage, Kölner Dom, Dom zu Freiburg, Bachfest Leipzig, Hildebrandt-Tage, Leipzig Gewandhaus. Namhafte Auftritte im Ausland u.a. bei: Internationale Meisterorganisten Innsbruck (AT), Roskilde Summer Festival (DK), Vestjysk Orgelfestival (DK), Soirées estivals de Chartres (FR), Festival Organistico Internazionale di Schio (IT), Bach en Bogota (CO), Calgary Organ Festival (CA), Bach-Fest Yekaterinburg (RU) und Tokyo Metropolitan Theatre (JP).

Er ist regelmäßig als Jurymitglied bei internationalen Orgelwettbewerben tätig. Studierende seiner Orgelklasse gingen als Preisträger aus zahlreichen internationalen Wettbewerben hervor und wirken auf bedeutenden Stellen in Kirche und Hochschule. Henry ist mehrfacher Preisträger internationaler Orgelwettbewerbe: u.a. Erster Preis und Sonderpreis in Odense (DK), Prix Maurice Duruflé in Chartres (FR) und „Concerto Gold Medal“ in Paris (FR). Wichtige Lehrer beinhalten David Saint, Thierry Mechler, Susan Landale, David Sanger und Michael Radulescu.

Von 2005 bis 2020 wirkte Henry Fairs am „Royal Birmingham Conservatoire“ (GB), 2018 – 2020 war er zudem Gastprofessor an der HMT Leipzig. Seit 2014 ist er als „Visiting Professor“ an der University of St Andrews (Schottland) tätig. Seit dem Wintersemester 2020/2021 ist Henry Fairs Professor für künstlerisches Orgelspiel an der Universität der Künste Berlin. Ab Oktober 2023 wirkt er zudem als Adjunct Professor of Organ an der Suddanskmusikkonservatorium in Esbjerg, Dänemark.

Xinhui Zhang ist Sopranistin und studiert im Master Konzertgesang an der UdK Berlin bei Prof. Deborah York. Zuletzt sang sie auf Bühnen solistisch in Semele, dem Graun WO, dem Fauré Requiem, dem Vivaldi Gloria und der Spatzenmesse von Mozart. Abgesehen vom Sologesang arbeitet sie als Gesangspädagogin sowohl im Einzelunterricht als auch mit Chören.

Zeit

13 März, 2026 20:00 - 21:15

Veranstaltungsort

Basilika St. Marien

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